Essay " The Vilayat Option"
Die Vilayat Option
von Al Gromer Khan ©
In Memoriam Vilayat Khan zum 13. März 2004
Im destruktivsten aller Jahrhunderte seit Anbeginn der Menschheit, dem zwanzigsten, erschien der indische Musiker Vilayat Khan auf der Bildfläche und machte der westlichen Zivilisation ein Angebot.
Westliche Kultur ersann aus Machthunger und Größenwahn den Kolonialismus. Gemeinhin wird angenommen, der Kolonialismus stamme lediglich aus jener inneren Unruhe, die auch zu Wachstumsglauben und immer weiteren technischen Innovationen führte und hätte nur der Ausbeutung gedient, doch bei präziser Betrachtung stimmt dies nicht ganz. Es hat auch mit der Irritation angesichts älterer Kulturen zu tun, die keine konformistischen Verhaltensformen an den Tag legen. Warum haben Hitler die Zigeuner, die Afrikaner, die Juden und die Homosexuellen so sehr irritiert? Zu einem Punkt irritiert, dass er und seine Gleichgesinnten diese Volksgruppen ganz und gar ausmerzen wollten? Warum ist ein Zehnjähriger, in seiner Begeisterung für das rationale, messbare Universum von Games, Technologie und Schumi so sehr entnervt vom vierzehnjährigen Bruder, der begonnen hat, in dem Mädchen aus der Nachbarschaft ein paradiesisches Wesen zu entdecken? Meine Zeit in Indien hat mir Einsichten gewährt, die ich in westlichen Institutionen nicht hätte erlangen können.
Als ich vor fünfundzwanzig Jahren aus Indien zurückkehrte, schien es Sinn zu machen, im reichen Westen ein einfaches Leben zu führen – nicht zuletzt, um etwas weiter zu tragen, das ich gelernt hatte. Dabei handelt es sich nicht um indisches Kulturgut, sondern um Gemütszustände, die ich nur in Indien kennen lernen konnte.
Wer mich in der Folgezeit besuchte, musste es wohl oder übel über sich ergehen lassen, nicht nur die gerade neu geübten Sitar-Phrasen, sondern auch enthusiastische Geschichten und Legenden über Vilayat Khan zu hören - und das nicht nur während der Musikstunden. Um Vilayat Khans Musik nachvollziehen zu können, musste ich ein Anderer werden, einen Aspekt meiner Persönlichkeit entwickeln, welcher in der Kultur, aus der ich kam, keine Bestätigung gefunden hatte.
Davor Flower Power in London - ein Glücksfall, auch noch aus heutiger Sicht und in mehrerlei Hinsicht. Und wie gut, dass ich vor Ort war, hätten doch sonst Vilayat Khan und Indien niemals diese Weichenstellung in meinem Leben bewirken können. John Peel spielte ihn gerne in den Jahren 1967 und 1968 in seiner nächtlichen Radioshow im BBC und seine Konzerte in der Royal Festival Hall wurden von Blumenkindern besucht. Keiner wusste genau, was diese braunen Männer in ihren bunten Kleidern da oben auf der Bühne im Schneidersitz genau taten, doch allen war klar: jedes Mal wurde es ein Freudenfest. Man konnte sich darauf verlassen, es wurde immer ein guter Trip.
Zur gleichen Zeit war Vilayat Khan der Bombayer Partyszene überdrüssig geworden und hatte sich nach Dehra Dun, in die foothills des Himayala zurückgezogen. Wer sucht die Existenz in Schlichtheit, wen langweilt oberflächliches Denken? Menschen, die etwas Besseres kennen!
„Wer Sitar spielen kann, kann alles“, sagte Vilayat. (Ich besaß schon damals direkten Zugang zu seiner Seele). Später behauptete er praktisch das Gegenteil: „Wer diese Art Sitar spielt, ist zu nichts anderem mehr fähig“ Durch solche gegensätzlichen Aussagen wurde die dualistische Ebene für mich überwunden. Und er zeigte mir Zustände, die ich nicht kennen konnte, weil sie in den westlichen Ländern nicht vorkamen - der Nährboden dafür fehlte.
Also, die Hippie-Sitar blieb eine Modeerscheinung und verschwand entsprechend schnell wieder. Doch Vilayat Khan, ein König - Reich und Hofstaat aus den Nuancen seiner Musik bestehend - blieb unabhängig davon. Jahrzehnte später wurde mir klar, Vilayat Khan, weltberühmt, Superstar der klassischen indischen Musik, führte im Grunde ein unspektakuläres, häusliches Leben: eine Mahlzeit täglich, ein einfaches Curry mit Fladenbrot, das Leben auf dem Land mit der Natur, nachmittags ein Kartenspiel mit den alten Männern aus der Nachbarschaft, abends fröhliches Singen mit den Kindern der Dienerschaft.
Weil bei meinem ersten Indienaufenthalt im Dezember 1971 gerade wieder ein Krieg mit Pakistan ausgebrochen war, flüchtete ich aus Bombay, zuerst nach Goa, dann nach Pondicherry, wo ich bei Schri Aurobindo las, Gott sei subtil. Ja, dachte ich, Gott und Vilayat Khan.
Im abgedunkelten Bombay – es hieß pakistanische Flugzeuge würden nachts angreifen - hatte er noch ein Purya Kalyan abgeliefert, das für meinen weiteren Lebensweg richtungweisend werden sollte. Das war am 19. Dezember 1971 in der Sanmukhanandan Hall; an der Tabla: Pandit Shanta Prasad.
Vilayat Khan war nicht einfach nur ein indischer Musiker. Obwohl er sich strikt innerhalb der Tradition der klassischen indischen Musik bewegte, reichte seine Kunst auf merkwürdige Weise weit über Indien und musikalische Epochen hinaus. Er war der größte Musikfan, den ich je kannte. Hätte ich mich sonst in diesem Ausmaß beeinflussen lassen, an die vierzig Jahre Hingabe und an die vierzigtausend Übungsstunden in das Sitarspiel investieren können? Für Vilayat Khan gilt die Annäherungsform der Mystik: man unterwirft sich einem Prinzip und wächst dadurch seelisch. Keine Kleinigkeit. Der daraus resultierende höhere künstlerische Status ist auf einer Ebene angesiedelt, wo akademisches Wissen nicht mehr hinreicht. Dieser Status bedeutet nicht mehr Macht und Einfluss im gesellschaftlichen Leben, eher weniger. Es ist die dahinter liegende Motivation, die zählt. Worin besteht sie? Bei Vilayat Khan war es Schönheit. Er war besessen davon, hat sie in jeder Form, in jeglichem Zusammenhang, jeder Tradition gesucht und gefunden, sie über alles andere gestellt. Im Filmsong manchmal, im Jazz, im Schlager sogar, in Banalitäten, immer war er auf der Lauer nach der ästhetischen Sublimierung. Immer war er in der Lage, in jeder Situation, eine Balance zu schaffen, etwas von feiner Empfindung und Grazie hervor zu bringen. Doch es war keine oberflächliche, geschmäcklerische Art Schönheit, sondern etwas, das man in subtilen Visionen vorfindet und erlebt. Er sah die Süße in Kindern, in Tieren, der Natur. Er selbst war hilflos, angesichts von solcher Schönheit, er vergoss sogar Tränen: irisierendes böhmisches oder venezianisches Glas, hochwertige Duftessenzen, Kristalllüster, ein zweitausend Jahre altes Parfumfläschchen, Mogulminiaturen, alte Teppiche. Dinge, die einen kurz schlossen mit anderen Zeiten, Deja-Vus und Erinnerungen an etwas. Doch seine Hilflosigkeit war nicht Schwäche, sondern Stärke. Sogar seine gelegentliche Eitelkeit besaß Charme.
Eine Erkenntnis stellt sich ein: durch Unterwerfung wird die Person bewusst Teil eines größeren Plans. Hier im Falle des Raga Jhinjhoti. Vilayat Khan stellte das Bild in den Raum - ein kleines hilfloses Kind steht vor dem Allmächtigen.
In dieser Disziplin, wo statt den Stunden des Übens, die des Nichtübens gezählt werden, herrscht oft erbitterter Konkurrenzkampf; in seinen frühen Jahren war auch der Meister nicht frei davon. Doch Vilayat Khan war – im Gegensatz zu seinen Sitar spielenden Zeitgenossen und den meisten seiner Schüler – jederzeit bereit, Originalität und außergewöhnliche künstlerische Leistungen anderer Musiker anzuerkennen. Verwehte Klangfetzen aus der Nachbarschaft ließen ihn aufhorchen, brachten etwas in ihm in Gang.
„Nun wollen wir sehen, was mächtiger ist, Ihre Feder oder mein Plektrum…“ Ein Angehöriger der schreibenden Zunft hatte es gewagt, in einer Besprechung einen Schwachpunkt seines Konzertes anzudeuten und Vilayat hatte den Mann im Publikum entdeckt. Während eines anderen Konzertes geriet er in Bhava, den gesuchten Trance-Zustand und wie ein Kind begann er, alle vierundzwanzig Variationen der vier Hauptnoten des Raga Bilaval systematisch vorzuführen. Wem der ´Zustand´ geläufig ist, gerät bei derartigen Gelegenheiten in Verzückung - doch ein ´Experte´ übte Kritik: „Khan-Sahib, dies ist eine Etüde – sollte so etwas nicht zuhause geübt werden?“ Der Maestro reagierte verletzt, nahm sein Instrument, verließ die Bühne, ließ den Vorhang schließen. Als der Störenfried aus dem Saal gebracht worden war, kehrte Vilayat auf die Bühne zurück und zeigte Raga Malkauns. Butterweiche Alapas rissen sanft Löcher in Verkrustungen, ließen einen die Empfindungsebene wechseln, ließen die Welt in neuem Licht erstrahlen, entlarvten zweitklassiges Denken und Fühlen, Langeweile und Philistertum, einfach durch die Tatsache, wieder einmal den Nerv der Musik getroffen zu haben, Akupunktur durch Ragamusik. Der Raga Malkauns allein dauerte über zwei Stunden, doch das Publikum wollte mehr.
Intuition, Feinfühligkeit, Humor, Erfahrung, Sinn für Poesie – gibt es noch andere entscheidende Faktoren in der Kunst? Kreativität? Der Begriff ist missbraucht und entwertet worden, ich vermeide ihn.
„Was ist es in Ihrer Musik, Khan-Sahib, was die Hörer in Trance versetzt, sie zu Tränen rührt?“ Meine Frage beantwortete er mit einem Satz: „Es ist die Zeit, die ich benötige, um von einer Note zur nächsten zu gelangen.“ Eigentlich war ich so schlau wie vorher, doch der große Vilayat Khan hatte gesprochen, hatte mir eine originelle Antwort gegeben, eine, die meine Frage ad absurdum führte.
Oft beurteilt man Musiker danach, wie sie kochen: das timing, die liebende Sorgfalt und Konzentration, mit der jemand vorgeht, der Respekt für die Nahrung. Die beiden Musiker, die mich als jungen Menschen am meisten beeinflussten, Vilayat Khan und Cat Stevens – beides exzellente Köche. Später Brian Eno. Und was macht einen guten Koch aus? Ein guter Koch hat bereits das Abendessen im Sinn, wo andere noch mit anderen Dingen beschäftigt sind, nimmt mit dem Fürlieb, was vorhanden ist und erlaubt es dem Gericht sich langsam selbst zu entwickeln, während er aufmerksam beobachtet, serviert nicht heiß, sondern lässt der Speise noch Zeit, Geschmack zu entwickeln. „Wenn ich spiele, werde ich von einem bestimmten Punkt an selbst zum Hörer – ich höre mit Staunen und Entzücken, was sich da vor meinen Augen - meinen Ohren - (lacht) entwickelt“, sagte er einmal, und als ich ihm Probleme mit meiner Musik anvertraute, segnete er mich und hieß mich sein Eigen.
Es entstand der Eindruck, Ravi Shankar – Vilayats Widersacher - wäre im Westen nur berühmt geworden, weil er mit dem sicheren Instinkt des Survivers, des Karrieremenschen, die Erwartungen des Publikums erfüllte, jene Aspekte indischer Musik kultivierend, die der Westmensch leicht nachvollziehen kann: Virtuosität, Frage-und-Antwort-Spielchen für Sitar und Tabla, Anpassung an das Frequenzniveau der Hörer - immer noch indische Musik zwar, immer noch Raga, immer noch Genuss bereitend, doch die zentrale Motivation des Lyrischen war durch das 'Beeindruckenwollen´ ersetzt worden. An die Wand gedudelt und ausgelaugt, begann ich mich gegen die Tour de Force und die Schau-was-ich-alles-kann-Kraftmeiereien eines Ravi Shankar oder Imrat Khan zu wehren. Als Teenager, als ich noch Jazz auf der Gitarre spielte, mochte ich T-Bone Walker, nie John Mc Laughlin. Technik und Technologie brüten Arroganz.
Vilayats Konzerte waren anders. Immer wenn er anscheinend nichts Besonderes tat, anscheinend mit den Noten nur so herum spielte und ich dachte, na ja, das kennt man ja nun schon, da passierte etwas, Tränen stiegen mir in die Augen und ich wurde innerlich dorthin transportiert, wo ich immer sein wollte: zum Grund, warum ich ursprünglich begonnen hatte, Musik zu lieben und selbst zu praktizieren. Erfrischt und heiter verließ ich diese Konzerte. Heraus zu finden, was da genau passierte und wie er das machte, damit verbrachte ich mein gesamtes Leben als Erwachsener.
Vilayat Khan hatte zwar Technik, sagenhafte Technik sogar – sein Vater hatte ihn noch als Kind gezwungen, die ´Vier-Kerzen-Übung´ zu absolvieren - doch ordnete er die Technik etwas anderem unter. Er war Technik und Technologie nicht abgeneigt, Vilayat liebte seine Autos, angefangen bei seinem ersten Jaguar XK 150 im Jahre 1951, gleichzeitig entlarvte er Technokraten und die im kleinlichen Egoismus gefangenen Spießer durch sein Spiel. Und obschon er aus einer Kultur von Khans stammte, die maskuline Spiele auf Pferderücken favorisierten, damit männlichen Adrenalinstau in Bewegung brachten, Kaiserreiche darauf gründeten, definierte sich Vilayat Khan weder über seine Kultur, noch über seine Technik, nicht über seine Religion („Meine Religion ist die Musik“) und schon gar nicht über sein Automobil. Später wandte er sich dann entschieden gegen rasante Autofahrten, fand sie lächerlich, kindisch, ärgerlich. Autos waren Kunstwerke für ihn gewesen, Beispiele für die Art Perfektion, die er in seinem Spiel suchte und deretwegen er die Deutschen verehrte. Als er auf einem deutschen D-Mark-Geldschein eine Pianistin abgebildet fand, war er den Tränen nahe und stammelte: „Die Deutschen wissen, wie man Musiker ehrt!“ Ich dachte: Tote Musiker.
Vilayat lehrte mich die essentiellste Einsicht meines Lebens: eine Verlangsamung der Denk- und Gefühlsfrequenz durch Sitarmusik schafft Zugang zu höheren Bewusstseinsstufen. Äußerlich neigt der Betreffende in diesem Falle vielleicht zu Exzentrizität, Widerspruch und absurden Unternehmungen. Wenn jedoch, im Gegensatz dazu, die Dinge beginnen, sich immer schneller im Kreis zu drehen, produziert dies auch eine „aufregende“ Musik, eine Art ´Verrücktheit´, eine pathologische, keine heilige. Das ist es, was heute auf diesem Planeten passiert. Vilayat bewerkstelligte durch seine Alapas und die Entscheidungen, die er während der spontanen polyrhythmischen Entwicklung des Dschor traf, diese besagte Verlangsamung des Denkens und Fühlens. Die dementsprechende Emotionalität erschien weiblich, es war die Muse, die Grazie, angelockt durch die Unnachgiebigkeit seiner Disziplin. Wer Zugang hat zu Vilayat Khans Alap-Arbeit, bei dem verstärkt sich Emotionalität um den Faktor Hundert; Ekstase ist nichts anderes als Überflutung durch Emotion. Im Westen wird Seele und Emotion seit der Aufklärung mit Misstrauen, später in der Technisierung sogar mit Verachtung, betrachtet. Als Folge davon führten Protagonisten des rationalen Verstandes die Menschheit in ein zwanzigstes Jahrhundert sinnloser technischer Innovationen, maßloser Extrovertiertheit, unfassbarer Zerstörung von Mensch, Natur und Umwelt. Was hat dies mit dem Musiker Vilayat Khan zu tun? Besagter Extroversionswahn ist Kompensation - der Person ist der Zugang zur Seele versagt geblieben. Menschen wollen glücklich sein, samt und sonders. Warum aber benötigen sie so viel Hardware dazu? Ein kleines Experiment in der Natur: sitzt man am Waldrand, auf einer Lichtung und überwindet den Unruhepunkt, beginnt man, Dinge zu entdecken, wilde Tiere werden angelockt, Details werden sichtbar, Ruhe kehrt ein. Schafft man es nicht, den Unruhepunkt zu überwinden, stellt sich ein anderes Bedürfnis ein: etwas umsägen, etwas abknallen, ein Loch graben. Die Überwindung des Unruhepunkts, das war Vilayat Khans große Stärke, sein Meisterstück, sein Leben: seine Aufführungen demonstrierten dies mit Eleganz; langsam baute sich Energie auf, Zeit verging, genussvoll, wie im Flug. Energie durch Repetition , gute Geister werden angelockt und selbst temporeiche Passagen sind in einem Ruhepol verankert.
Man findet keine Erfüllung durch die Veränderung der äußeren Umstände. Gelangweilt und überheblich will der Mensch anschließend mehr und mehr, versucht, sich mit hängender Zunge oder zusammen gebissenen Zähnen im imaginären Wettbewerb durchzusetzen oder seinem bekannten Universum noch mehr Genuss abzuringen. Powerdemonstrationen, Fressorgien, Kaviar, im Champagner baden, eine Jacht vor Monte Carlo, Sex auf Bestellung oder Abruf, Koks, Gang-Bang, Gruppensex, Kindersex, Macht, Status.
Es wäre gut gewesen, stattdessen jemanden zu suchen, jemandem zu vertrauen, der einem zeigt, wie man die Ebene wechselt und durch ein Minimum von äußeren Gesten ein Maximum an Genuss erzielt. Vilayat Khan wäre so jemand gewesen - war es für mich. Als ich einem Bekannten, einem Psychologen, erzählte, ich hätte Vilayat Khan die Füße geküsst, schüttelte der entrüstet den Kopf.
Journalisten und Akademiker haben mir nicht geholfen, die Herausforderung zu bestehen, ein Leben auf ein exotisches Musikinstrument zu gründen. Einige Kollegen meinten, sie hätten genug von Westlern, die so tun als wären sie Inder. Die Presse war also nicht auf meiner Seite, auch die Geschäftsleute nicht. Indische Restaurantbesitzer nahmen Rache für koloniale und weiß der Teufel für welche erlittenen Demütigungen. Cat Stevens - heute Yusuf - ein guter Freund aus Hippietagen um 1969 gelangte unvermittelt mit seiner Musik zu Weltrum. ´Everybody is helping me´. Durch meine Musik wurde ich anscheinend für alle zum Widersacher. Ich versuchte, es mit Gleichmut und Humor hinzunehmen, so wie Yusuf versuchte, durch seinen spektakulären Erfolg nicht überheblich zu werden. Die Linken fanden meinen Lebensstil eindeutig feudalistisch, reaktionär. Hausfrauen besuchten mein indisches Musik-Seminar und misstrauten mir - Ach, Sie sind ja gar kein richtiger Inder? und verließen mein Seminar in der Pause. Die Kirche fühlte sich bedroht. Also sprach Abt Odilo: ´Wir haben Weisung von oben bekommen, Ihre Musik hier nicht mehr zu erlauben´. Von oben? Von wie weit oben? Institutionen luden mich ein und wieder aus, als sie erfuhren, dass ich Deutscher bin. Sie hatten meine Musik gar nicht gehört.
Ich war kein echter Inder, während ´echte Inder´ in München bei Brauereien und der Müllabfuhr arbeiteten; in ihrer Jugend hatten die ein wenig Musik gelernt. Ihr Gesang und Spiel war schräg und durch das viele Bier ungehobelt. Ihr Ton war schroff. Doch sie füllten Rundfunkarchive mit Titeln wie ´Lied zum Erntedank´. Ethnologen, Esoteriker, Rechte, Linke, Psychologen, Psychopathen, Theologen und Kollegen, Komponisten, Bürokraten, Technologen – keinem konnte ich es mehr recht machen. Mein Verdacht: die Unterwerfung unter das Vilayat Prinzip.
Doch ich hatte die Musik. Immer wenn ich Vilayat Khan hörte, kam dieser Zustand, stets neu und unerwartet. Er stand in hartem Kontrast zu dem, was sich sonst so abspielte. Seine künstlerischen Entscheidungen in einer bestimmten Situation der Raga-Darbietung, Die Zeit, die ich mir nehme, von einem Ton zum nächsten zu gehen. Sie führten zu diesem magischen Eingriff in mein System, zu dieser drastischen Veränderung der Gemütslage.
Je verfeinerter der musikalische Ausdruck wurde, umso mehr Widersacher traten auf den Plan - außen und innen. Je wirklicher und wahrhafter meine Musik wurde, desto pessimistischer musste ich werden. Ich will mich nicht beschweren, denn meine Musik ernährt mich seit vierzig Jahren und das Licht des Vilayat Khan leuchtet hell. Seine Alaaps und die Frechheit und Köstlichkeit seiner Taans enthoben mich immer aufs Neue den Niederungen.
„Im destruktivsten aller Jahrhunderte seit Anbeginn der Menschheit, dem zwanzigsten, erschien er auf der Bildfläche und machte der westlichen Zivilisation ein Angebot“. Es hätte der westlichen Zivilisation gut angestanden, Vilayats Universum zu erforschen, es mit anderen Gemütszuständen zu vergleichen, zu studieren, wie verschiedene Personen und ihre Zielsetzungen - und das, was sie demnach betreiben - für eine geistig-seelische Erfüllung erhält, und wie der Menschheit als Ganzes dadurch gedient wäre. Es wäre ein interessantes Gebiet für Psychologen und Philosophen gewesen, statt immer weitere verschrobene Konzepte, ´Weltbilder´ und Statistiken in einen beschränkten, starren rationalen Verstand zu pressen. Auch dies hat Vilayat geschafft, unabsichtlich, en passant: poetisch, leicht und inspirierend die beschränkten Seiten der herrischen weißen Rasse aufzudecken, man brauchte nur zu beobachten wie er eine Teetasse hielt. The effect came with the person.
Vilayat gestand mir: „Ich habe ein sehr schweres Leben“. Da staunte ich, lebte er doch in fast idealen, ja paradiesischen Umständen: wohlhabend, berühmt, Konzerte auf dem gesamten Globus, ein Haus mit Rosen- und Obstgarten an den Ausläufern des Himalaya. Dennoch war er zum ´beautiful loser´ geworden, wie hätte es anders sein können. So scheitern Mystiker eben. Und irgendwie hatte er gespürt: etwas stimmte nicht, die Menschheit, das vom Menschen andauernd manipulierte Leben auf diesem Planeten war aus dem Ruder gelaufen, die Protagonisten der Seele hatten sich zurück gezogen, aus einem pervertierten Klima von Ehrgeiz und Konkurrenzdenken. Der Egoismus hatte sich mit Online und Medien durchgesetzt. Die Menschen wollten nicht mehr Inspiration, nur noch Bestätigung und waren bereit, jemanden zum Superstar werden zu lassen, wenn der Betreffende ihre Vorstellungen bestätigte, anstatt eine Herausforderung dafür zu sein, das kleine Ego zu zerstören und mit etwas Erhabenen zu füllen.
Die ´Anderen´ hatten die uns umgebenden äußeren Bedingungen längst unter ihre Kontrolle gebracht. Es war, als hätte sich Erotik in Pornographie, Musik in Lärm verwandelt. Vilayat Khan ging aus Amerika weg, zurück nach Indien. Die Menschen waren freundlich und zugänglich in Kalifornien, doch niemand schien wirklich an Musik interessiert.
Die Vilayat Option wurde nicht angenommen. Der Westen, zu sehr auf Konkurrenzkampf programmiert, exportierte diese paranoide Haltung schließlich in seine früheren Kolonien. Dort werden diese lächerlichen materialistischen Verhaltensweisen nun ebenso perfekt und exzessiv praktiziert: die rivaliserenden Schüler versuchen, ihre Lehrer in diesem gnadenlosen Konkurrenzkampf auszustechen . Die Katastrophe ist unausweichlich.